Strategische Interessen, diplomatische Gelassenheit und die verbindende Kraft des Anime – Japan an der Andrássy-Universität

Über den Tellerrand hinausblicken mit S.E. Tetsuya Kimura, Botschafter von Japan

Es gibt drei Möglichkeiten, von Budapest nach Tokio zu gelangen: Man kann einen Langstreckenflug nehmen, um die fast genau 9.000 Kilometer an einem einzigen Tag zurückzulegen. Alternativ kann man die 7-stündige Zeitverschiebung einkalkulieren und eine Telefonnummer mit der Ländervorwahl +81 wählen. Die beste Option ist jedoch, den japanischen Botschafter in Ungarn einzuladen, wie es Botschafter Dr. Robert Klinke vom Zentrum für Diplomatie im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Demokratieforschung am Abend des 9. April 2026 tat. Vor vollbesetztem Saal sprach er mit dem japanischen Botschafter Tetsuya Kimura über hochaktuelle Themen wie die Neuausrichtung der japanischen Sicherheitspolitik und die Widerstandsfähigkeit der japanischen Kultur, aber auch über dessen persönliche Laufbahn im japanischen Außenministerium.  

Bevor Kimura Anfang Januar dieses Jahres seinen Posten in Budapest antrat, war er Botschafter in Timor-Leste, Botschafter für Wirtschafts-, Sozial- und VN-Verwaltungsangelegenheiten bei der Ständigen Vertretung Japans bei den Vereinten Nationen in New York sowie davor Generalkonsul in München. Jene Aufgabe hatte ihn zurück in die bayerische Landeshauptstadt geführt, wo er bereits nach seinem Eintritt in das japanische Außenministerium einen Masterabschluss in Politikwissenschaft erworben und auch fließend Deutsch gelernt hatte – die Sprache, die er den ganzen Abend über eindrucksvoll einsetzte.  

Dabei ist ein Auslandsstudium für viele Japaner aufgrund finanzieller Hürden und geografischer Faktoren keineswegs so selbstverständlich wie in Ungarn, Österreich oder Deutschland. Im Ausland indes wird die große Popularität der japanischen Kultur nicht zuletzt durch den Ansatz der japanischen Regierung genährt, die Positionierung des Landes zwischen Tradition und Moderne – unter dem Begriff “Cool Japan“ – als Instrument der Soft Power einzusetzen.  

Dieses Gleichgewicht zwischen scheinbaren Gegensätzen ist auch ein zentraler Faktor in der japanischen Gesellschaft – das Abwägen individueller Wünsche und gesellschaftlicher Normen. Es zeigt sich etwa in der Art und Weise, wie Kimura diplomatische Verhandlungen führt: Das Ziel ist nicht, maximale Forderungen mit Gewalt durchzusetzen, sondern vielmehr einen 51-zu-49-Kompromiss zu finden. Insbesondere in den Beziehungen zu China, aber auch zu anderen Nachbarländern wie Nordkorea und Russland, die alle über Atomwaffen verfügen, sind neben dem klaren Schutz der Interessen auch Takt und Sensibilität gefragt. Chinas drohende Haltung gegenüber Taiwan und Japan destabilisiert die Region und birgt erhebliches Konfliktpotenzial. Aus diesem Grund unterhält Japan – das sich in seiner Nachkriegsverfassung von 1947 mit Artikel 9, der besagt, dass niemals Streitkräfte zur Beilegung internationaler Streitigkeiten unterhalten werden, einen Verzicht auf Krieg auferlegte, und sich nun mit seinen Selbstverteidigungskräften einem stetig weiter aufrüstenden China gegenübersieht – eine enge Sicherheitspartnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Japan verfolgt zudem nicht nur innerhalb der G7 und G20 aktiv eine Politik, die auf die Stärkung der regelbasierten internationalen Ordnung zielt, welche auf Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und grundlegenden Menschenrechten beruht. Als stabile Demokratie in der indopazifischen Region betrachtet Japan diese Werte vor allem auch als Grundlage für Frieden und Wohlstand.  

Aber auch die Nachbarschaft zu Russland ist von Herausforderungen geprägt. Es gibt nach wie vor keinen Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Nordterritorien-Frage bezüglich vier Inseln nördlich von Japan ist weiterhin ungelöst. Die neu aufgenommenen Verhandlungen wurden 2022 von Russland abgebrochen, nachdem Japan als Reaktion auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine Sanktionen gegen Russland verhängt hatte. Japan betrachtet zudem das Verhalten Nordkoreas – insbesondere Raketentests und Waffenentwicklung – als ernsthafte Bedrohung seiner nationalen Sicherheit.

Im Gegensatz dazu unterhält das Land ausgezeichnete freundschaftliche, wirtschaftliche und strategische Partnerschaften mit dem geografisch weit entfernten Europa – insbesondere mit Deutschland und Ungarn: So haben beispielsweise in den vergangenen Jahren über 200 japanische Unternehmen in Ungarn investiert. In den zurückliegenden Monaten ist Kimura hier zudem bereits vielen Menschen begegnet, die Japanisch sprechen. Darüber hinaus sind die zwischenmenschlichen Beziehungen von großer Sympathie, Verständnis und wechselseitiger Wertschätzung geprägt. Auch dieser Abend an der AUB war ein beredtes Zeugnis dafür.


Joel KELLER
Copyright Foto: Japanische Botschaft Budapest
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