Was ist ein gutes Leben – Gespräch mit Hartmut Rosa

Im Rahmen einer vom Goethe-Institut Budapest und der Andrássy Universität Budapest organisierten Veranstaltung wurde der renommierte Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Rosa am 10. Oktober 2025 an die Andrassy Universität eingeladen, um über eine der zentralsten Fragen unserer Zeit zu sprechen: Was ist ein gutes Leben?

Die Veranstaltung fand im gut gefüllten Spiegelsaal statt und wurde eingeleitet von Miriam Bruns, Institutsleiterin vom Goethe-Institut Budapest, die Rosa dem breiten Publikum kurz vorstellte.

Die Moderation und Gesprächsführung übernahm anschließend Dr. Mariano Barbato, außerplanmäßiger Professor an der Universität Passau und DAAD-Langzeitdozent an der Andrássy Universität, welcher mit gezielten Fragen durch das Gespräch leitete. Der Austausch fand auf hohem Niveau statt und griff viele internationale wie persönliche Perspektiven auf.

Rosa verfolgt in seiner Forschung das Ziel, die Bedingungen für ein gutes Leben in der heutigen, hochkomplexen Gesellschaft zu analysieren und auch aufzuzeigen, was uns dabei zunehmend verloren geht. Er betrachtet den Menschen als ein selbst interpretierendes Wesen, das sich und die Welt nicht nur erlebt, sondern auch ständig neu deutet. Insbesondere der Bereich der Kommunikation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Rosa verwies auf zwei unterschiedliche Kommunikationsmodelle. Zum einen auf das von Niklas Luhmann, welches Kommunikation eher systemtheoretisch versteht, und zum anderen auf das von Jürgen Habermas, dem Rosa den Vorzug gibt. Letzterer begreift Kommunikation als ein Medium des Verstehens und der Verständigung, eine Grundvoraussetzung für gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben.

Einen wichtigen Einfluss auf Rosas Denken hatte der Soziologe Max Weber, dessen ambivalente Haltung zur Moderne ihn tief geprägt hat. Weber, stark beeinflusst von Nietzsche, beschrieb die Moderne als durchrationalisiert und zunehmend sinnentleert. Rosa griff diesen Gedanken auf und entwickelte daraus sein eigenes Konzept der sozialen Beschleunigung, welches er in seinem Buch „Beschleunigung“ ausführlich darlegt. Demnach erleben wir unsere Welt als immer schneller, getrieben von dem gesellschaftlichen Imperativ des Wachstums: dynamische Stabilisierung. Das bedeutet, dass Systeme, wie etwa die Wirtschaft, nur stabil bleiben, wenn sie wachsen. Rosa verdeutlichte daran, dass dieses ständige „Mehr“ zu Zeitnot, Stress und einem Gefühl des „Nie-genug-Seins“ führt.

Als Beispiel nannte Rosa dafür die Nahrungsmittelindustrie. Essen soll heute schnell, effizient und günstig sein, doch dabei geht der Genuss und oft auch die Qualität verloren. Dieses Prinzip überträgt sich auch auf andere Lebensbereiche. Eltern arbeiten immer mehr, in der Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser geht und diese übernehmen denselben Druck. So entsteht ein Hamsterrad über Generationen hinweg. Das Streben nach Anerkennung, ob in der Schule, der Universität oder im Berufsleben, wird dabei zum zentralen Motor des Selbstwertgefühls. Doch Anerkennung allein macht noch kein gutes Leben, so Rosa. Für ihn besteht ein gutes Leben darin, sich als Mensch in seiner Ganzheit angenommen zu fühlen, auch dann, wenn man scheitert oder als Mensch nicht perfekt ist. Dazu gehört, in bestimmten Lebensbereichen Resonanz zu erfahren. Rosa beschreibt hierbei den Kampf zwischen drei zentralen Sphären: Recht, Wertschätzung und Liebe. 

Im Zentrum seiner Philosophie steht die Resonanztheorie: Ein gutes Leben entsteht, wenn Menschen Resonanzbeziehungen zur Welt aufbauen können. Diese zeichnen sich durch Affizierung, emotionale Reaktion, Transformation und das Bewusstsein der Unverfügbarkeit aus. Resonanz lässt sich nicht erzwingen, aber sie kann sich ereignen, wenn Bedingungen stimmen. Rosa knüpft hier an den kanadischen Philosophen Charles Taylor an, bei dem Resonanz als tiefgehende Verbindung zwischen Subjekt und Welt verstanden wird.

Auch das Publikum wurde aktiv in die Diskussion einbezogen. Eine zentrale Frage war, warum trotz steigender Produktivität nicht weniger gearbeitet wird. Rosa antwortete mit dem Hinweis auf die kapitalistische Logik der Kapitalakkumulation und stellte dies durch den G – W – G′ (Geld – Ware – mehr Geld) Zyklus von Marx dar. Auch das Konsumverhalten kam zur Sprache, denn Menschen begehren Dinge wie eine Kreuzfahrt zu den Polarlichtern, nicht weil sie sie wirklich brauchen, sondern aus dem Wunsch heraus, Resonanz zu spüren. Doch häufig bleibt das Erhoffte aus, denn Resonanz lässt sich nicht kaufen. Eine weitere Frage drehte sich darum, ob man Resonanz „lernen“ könne. Rosa bejahte dies vorsichtig, betonte jedoch, dass es mehr einer inneren Haltung als bestimmter Techniken bedarf. Auch die Messbarkeit von Resonanz wurde thematisiert. Rosa verwies hier auf körperliche Phänomene wie Gänsehaut, Tränen in den Augen oder leuchtende Augen, aber auch auf moderne Messinstrumente wie „Brain Cams“.

Mit großem Applaus endete dann der Vortrag von Rosa und für das Publikum bestand noch die Möglichkeit in einen Austausch zu treten, sowie Bücher Rosas zu erwerben.

Miriam WIENPAHL

(c) Képszerkesztöség

Partner der Veranstaltung

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