Zu Beginn würdigte Dr. Michael Zimmermann, Leiter des Lehrstuhls für Diplomatie I, die Veranstaltung als „sensationelle Semestereröffnung“ und stellte die politische Laufbahn der Ministerin vor: von der Mitgründung der NEOS über ihre Wahl zur Parteivorsitzenden im Jahr 2018 bis hin zur Übernahme des Ministeramtes vor einem halben Jahr. Er hob hervor, dass sie bereits in kurzer Zeit durch intensive diplomatische Initiativen im Nahen Osten, in Washington und am Westbalkan deutliche Akzente gesetzt habe.
In ihrer Rede skizzierte Meinl-Reisinger ihre Vision von „unserem Europa“. Ausgangspunkt war die gemeinsame Geschichte Österreichs und Ungarns als „Schicksalsgemeinschaft“. Dabei erinnerte sie an den Moment, als in den späten 1980er-Jahren der Grenzzaun durchschnitten wurde –, ein Augenblick, in dem sie selbst Freiheit gespürt habe und sich als „Kind des Endes der Geschichte“ verstand. Heute sei jedoch klar, dass „das Ende der Geschichte eine Illusion“ gewesen sei. Frieden, Freiheit und Wohlstand erschienen „als fragile Fragmente“, die es zu verteidigen und neu zu begründen gelte. Die zentrale Frage sei daher: „Wie gelingt es, Europa mit neuem Leben zu füllen und in die Zukunft zu retten?“
Mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine betonte sie, dass Friede in Europa nicht selbstverständlich sei. Sie verwies auf ihre Eindrücke aus Odessa und stellte fest: „Der Krieg führt uns jeden Tag vor Augen, dass es um die Freiheit Europas selbst geht.“ In Anlehnung an den Namensgeber der Universität hob sie hervor: „Wir müssen Gefahren nicht nur benennen, sondern ihnen gemeinsam begegnen.“ Dazu gehöre auch der Aufbau einer glaubwürdigen Sicherheitsarchitektur: „Nur wenn wir gemeinsam handeln, verhindern wir, gespalten und von Autokraten unterworfen zu werden.“
Ein zweiter Schwerpunkt der Rede lag auf den ökonomischen Grundlagen europäischer Stärke. Meinl-Reisinger machte deutlich, dass Europa im globalen Innovationswettlauf „den Anschluss verloren“ habe, etwa gegenüber den USA und China in der Automobilindustrie und in technologischen Schlüsselbereichen. „Der größte Schatz Europas ist der Binnenmarkt“, erklärte sie, „doch er ist noch lange nicht so entwickelt, wie er sein könnte.“ Um den Schatz zu bergen seien Barrieren abzubauen und die Empfehlungen des Draghi-Berichts umzusetzen: Vereinfachung, Simplifizierung, Deregulierung. Eine aktive europäische Handelspolitik sei darüber hinaus unverzichtbar, während Protektionismus, so die Ministerin, „immer alle ärmer mache.“
Besonders eindringlich sprach die Ministerin über die Rolle der jungen Generation. „Wir haben jetzt den Stift der Geschichte in der Hand, und sie wird unglaublich schnell geschrieben“, sagte sie und verwies auf die Notwendigkeit, in Bildung und Innovation zu investieren. Die Andrássy Universität sei hierfür ein herausragendes Beispiel. Gleichzeitig warnte sie vor einer gesellschaftlichen Rückzugsmentalität: „Es braucht ein gerütteltes Maß an aktiver Bürgerschaft – die Gefahr des Neobiedermeier ist real.“ Politisches Engagement sei, so Meinl-Reisinger, nicht primär als ein Privileg zu verstehen, sondern als eine Verantwortung.
In der anschließenden Diskussion beantwortete sie Fragen zu den transatlantischen Handelsbeziehungen, zu Russland und zur Rolle der Jugend in Europa. Mit Blick auf die Handelspolitik der USA unterstrich sie die Bedeutung von Dialogbereitschaft, machte aber zugleich deutlich: An „America First“ ist grundsätzlich nichts falsch, wenn damit gemeint ist, zuerst die eigenen Bürger im Blick zu haben. Aber das darf nicht heißen: „America Alone.“ Bezüglich Russland hob sie hervor, dass die Strategie Europas darin bestehe, die Fortführung des Krieges für Moskau „zu kostspielig“ zu machen. Sanktionen hätten Wirkung, „sonst würden sie nicht permanent von russischer Seite thematisiert werden“, und seien zugleich ein „bargaining chip“ für künftige Verhandlungen.
Am Ende ihres Besuchs wandte sich die Ministerin noch einmal persönlich an die Studierenden: „Der Glaube an jeden einzelnen Menschen kann Türme versetzen.“ Es sei Aufgabe der jungen Generation, die Verantwortung für Europas Zukunft zu übernehmen und sie kritisch, mutig und solidarisch zu gestalten.
Die Andrássy Universität dankt Frau Bundesministerin Mag. Beate Meinl-Reisinger für ihren Besuch und ihre inspirierenden Ausführungen. Ihr Vortrag hat die enge Verbindung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sichtbar gemacht und den Studierenden wertvolle Impulse für ihr eigenes Engagement in und für Europa gegeben.
Simon Tafler, 16. September 2025
