“Das ist also des Pudels Kern!” “Kommen wir zur Gretchenfrage!” Auch Menschen, die Faust nicht gelesen haben, kennen und nutzen diese Redewendungen. Mit diesen Zitaten als Beispiel gelang es Prof. Dr. Christian Neuhuber von der Universität Graz sofort dem Publikum im Spiegelsaal der Andrássy Universität Budapest zu zeigen, welche Bedeutung Goethes Hauptwerk Faust auch heute noch hat. Zuvor dominierten jedoch auch andere Versionen der berühmten Tragödie die Bühnen in Europa. Neuhuber kam am 30. September 2026 zur AUB nach Budapest, um in einem Vortrag über die Darstellungen und Entwicklungen des Faust-Themas zu sprechen.
Als Kernthemen der verschiedenen Versionen des Stückes nannte er das Streben des Menschen nach Erkenntnis, Macht und Erfüllung sowie die Teufelsanbeterei. Es kamen im Laufe der Zeit auch neue Elemente hinzu. Hierzu zählt der Kindsmord, der erstmals auch Themen wie Weiblichkeit thematisiert hat. Neuhuber hob z.B. hervor, dass sich in den Aufführungen Christopher Marlowes distinktive Merkmale wie die Szenenfolge fanden. Darstellungen des Teufels z.B. erregten den Unmut der christlichen Obrigkeit.
Im 18. Jahrhundert legte Joseph Anton im Wiener Spaßtheater den Fokus auf Komik, Spektakel und Theaterzauber. Anstelle von moralisierenden und didaktischen Elementen wurden spektakuläre Theatereffekte verwendet. Der Theaterbesuch wurde somit zum eigentlichen Erlebnis. Daraus stellte sich, wie Neuhuber hervorhob, auch die Frage, ob Theater pädagogisch sein müsse.
Die erste deutsche Originalaufführung in Prag von Paul Weidmann fand 1775 statt. Sie hob sich dadurch hervor, dass hier Ort, Zeit und Handlung als Einheit präsentiert wurden. Erstmals ermöglichte diese Darstellung eine Rettungsperspektive durch göttliche Gnade nach dem Tode, falls Reue gezeigt wurde.
Nach einem Sprung in die neuere Zeit zeigte uns Neuhuber die Faustversion in der DDR, die von Hans Ehler entworfen wurde. Hier wiederum bildet der Klassenverrat an den Bauern durch Faust den Mittelpunkt. Außerdem wandte man sich gegen die Idealisierung der sogenannten “faustischen deutschen Tugenden”. Moderne Interpretationen wie von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2012 griffen den Missbrauchsfall Fritzl als Gretchentragödie auf und übten aus feministischer Sicht Kritik an der patriarchalen Idealisierung toxischen Verhaltens in klassischen Stücken.
Nach seinem Vortrag beantwortete Neuhuber geduldig Fragen aus dem interessierten Publikum. Auf die Frage, wie viele verschiedene Versionen von Faust denn existiert haben, antwortete er, dass sich das schwierig feststellen lasse, allerdings ginge man von deutlich über 100 Stück aus.
Musikalisch abgerundet wurde der Abend im Anschluss durch ein Konzert von dem Ensemble “Reihe Zykan+”. Die Gruppe rund um Katharina Gebauer und ihre beeindruckende Sopranstimme präsentierte eine spannende Mischung aus ihrem musikalischen Repertoire zwischen Gesang, Sprache und Klangperformance. Ein besonderes Highlight für das Publikum an der AUB war die Performance von “Lisas Schatten” von Elfriede Jelinek, die an diesem Abend an der AUB ihre Uraufführung feierte.
Steffen RACH