Im Rahmen der Reihe „Querschnittsfragen der Außenpolitik“ sprach Wojciech Soczewica, Generaldirektor der Stiftung Auschwitz-Birkenau mit Sitz in Warschau, am 28. April 2026 über aktuelle Herausforderungen der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit. In die AUB eingeladen hatte ihn das Zentrum für Diplomatie. Die Einführung und Moderation übernahm Botschafter Dr. Robert Klinke, Lehrstuhl für Diplomatie II. Klinke hob hervor, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Katastrophe von Auschwitz, integraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik bleibe. Gerade in Auschwitz blickten wir sinnbildlich in den deutschen Abgrund.
Soczewica trat dem bei und betonte, Auschwitz-Birkenau sei nicht nur das größte ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager, das als Symbol für den industriell organisierten Massenmord und den Zivilisationsbruch durch das nationalsozialistische Deutschland stehe; es sei auch der größte ungarische Friedhof außerhalb Ungarns, da unter den Opfern Hunderttausende ungarische Juden waren.
Ein zentrales Thema seines weiteren Vortrags war die Frage der Zeitzeugenschaft. Bei dem 80. Jahrestag der Befreiung im vergangenen Jahr (2025) seien noch mehr als 150 Überlebende anwesend gewesen, doch diese Generation werde immer kleiner. Soczewica stellte die dringende Frage, wie Bildung und persönliche Zeugenschaft in Zukunft aussehen könnten, wenn keine Überlebenden mehr verfügbar seien. Gleichzeitig betonte er die unersetzliche Stärke der physischen Räume des Gedenkorts als Medium der Erinnerung. Hier setze die unabhängige Stiftung Auschwitz-Birkenau an, 2009 von dem Auschwitz-Überlebenden Władysław Bartoszewski in Warschau gegründet. Ihre Hauptaufgabe sei die dauerhafte Sicherung und Konservierung der physischen Überreste des ehemaligen deutschen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Neben der Konservierung der Baulichkeiten gehe es auch bei Gegenständen um den Erhalt des historischen Zeugnisses und das Gedenken an Shoah und Porajmos. Zehntausende Schuhe, Koffer, Brillen, Zahnbürsten, anhand derer sich mitunter sogar Namen von Opfern rekonstruieren ließen, seien unmittelbare Beweise für das Leid der Opfer und müssten vor dem natürlichen Zerfall bewahrt werden.
Die Zahl der Besuchenden steige mit jedem Jahr. Inzwischen verzeichne die Gedenkstätte mit rund zwei Millionen Menschen einen Stand fast wie vor Corona. Zusätzlich greife man die weltweit steigende Nachfrage mit virtuellen Besuchsangeboten auf. Auschwitz bleibe ein zutiefst erschütternder Ort. Die Gedenkstätte arbeite daher mit emotionaler Begleitung in mehr als 20 Sprachen. Über reine Geschichtszählung hinaus gehe es um aktives, sozialpsychologisches Erinnern und die Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Mitläufertum.
Ein weiterer Schwerpunkt seines packenden Vortrags war der Umgang mit digitalen Herausforderungen. Soczewica beschrieb, wie soziale Medien, Deep Fakes und algorithmische Umdeutung der Geschichte eine wachsende Bedrohung für die historische Korrektheit darstellten. Plattformen wie Facebook und andere reagierten auf entsprechende Anfragen häufig nicht. Da sich Menschen vor allem an Bilder erinnerten, sei visuelle Korrektheit von besonderer Bedeutung. In der Gedenkstätte selbst dürften keine Spielfilme gedreht werden, da Filmcrews den Gedenkcharakter störten. Für Filmproduktionen stehe jedoch bereits eine detailgetreue digitale Replik des Geländes von Auschwitz I zur Verfügung, um Verfälschungen der Geschichte vorzubeugen. Ein entsprechendes Projekt für Birkenau (Auschwitz II) sei bereits in Planung.
Soczewica berichtete zudem von dem Projekt einer permanenten Kunstgalerie im Museum. Rund 4.000 Kunstgegenstände, hälftig von Gefangenen und hälftig von Überlebenden geschaffen, sollen in etwa sieben Jahren in einem eigenen Ausstellungsgebäude, der ehemaligen Lagerküche des Stammlagers, gezeigt werden. Die Stiftung sei auf gutem Wege, die hierfür benötigten erheblichen Mittel zu generieren. Bildsprache sei dabei besonders wertvoll, da sie Sprachbarrieren überwinde.
Auf die Frage nach dem Verhältnis von Gedenkstättenarbeit und aktueller Politik betonte Soczewica, dass Gedenkstätte und Erinnerung vor politischer Vereinnahmung geschützt werden müssten. Der Holocaust sei ein singuläres historisches Ereignis und dürfe weder mit anderen politischen Debatten gleichgesetzt noch für diese instrumentalisiert werden. Hierzu hat auch die Internationale Allianz für Holocaustgedenken (IHRA) wichtige Leitlinien bereitgestellt. Auf die Frage nach dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz führte Soczewica aus, dass KI möglicherweise bei Sprachübersetzungen hilfreich sein könne, jedoch eine enge Zusammenarbeit sowie menschliche Kontrolle unbedingt notwendig seien, da historische Begrifflichkeiten und Fachbegriffe besonderer Sorgfalt bedürften.
Zum Abschluss der engagierten Diskussion rief Soczewica dazu auf, mit Haltung und Zivilcourage einzutreten gegen Rassismus, Antisemitismus und für Demokratie, und dabei nicht nachzulassen. Es bleibt die eindringliche Mahnung des im Februar 2025 verstorbenen Holocaustüberlebenden Marian Turski: „Seid nicht gleichgültig!“.
Viel Nachdenkenswertes weit über diesen Abend hinaus.
Carolin BRASIL KLEIN
Weiterführende Links
- Internationale Gedenkstätten-Charta (2011), https://holocaustremembrance.com/resources/internationale-gedenkstatten-charta
- Charta der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken zur Bewahrung historischer Stätten (2023),https://holocaustremembrance.com/wp-content/uploads/2024/04/IHRA_Safeguarding_Sites_Charter_Deutsch.pdf
- First ever online guided tour of Auschwitz-Birkenau, Apps Flyer (2023), https://www.foundation.auschwitz.org/de/online-tour
