Mit der Ukraine, nicht über die Ukraine sprechen

Iuliia Osmolovska und Marharyta Blyzniuk analysieren russische Verhandlungsmuster, europäische Sicherheit und mögliche Friedensperspektiven

Mehr als 1.500 Tage nach Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine bleibt die Frage nach einem tragfähigen Frieden zentral für die europäische Sicherheitsordnung. Unter dem Titel „Perspectives on Ukraine: Diplomatic Approaches for a Lasting Peace?“ luden das Zentrum für Diplomatie der Andrássy Universität Budapest und die Alumni des CENTRAL Leadership Program am 29. April 2026 in den Spiegelsaal der Universität ein. Die Veranstaltung behandelte Chancen diplomatischer Verhandlungen, russische Verhandlungstaktiken sowie mögliche Beiträge Europas und der Zivilgesellschaft zu einer resilienten Nachkriegsordnung.

Den Hauptvortrag hielt Iuliia Osmolovska, Leiterin des GLOBSEC Kyiv Office und Mitglied des Civil Council des ukrainischen Außenministeriums. Unter dem Titel „The Russian Way of Negotiating“ ging sie auf diplomatischen Entwicklungen seit 2022 ein und erläuterte, warum bisher kein echter Verhandlungsdurchbruch erreicht worden sei. Als Gründe nannte sie unter anderem territoriale Streitfragen, insbesondere den Status besetzter Gebiete im Donbass, sowie fehlende Verhandlungsreife. Beide Seiten gingen weiterhin davon aus, durch militärisches Handeln Vorteile erzielen zu können.

Osmolovska stellte mehrere Szenarien für die weitere Entwicklung des Krieges vor. Dabei lag der Fokus weniger auf einem kurzfristigen Frieden als auf möglichen Formen eines fortdauernden Abnutzungskrieges, eines Zustands zwischen Krieg und Frieden und eines Waffenstillstands ohne nachhaltige Friedensordnung. Der Vortrag machte deutlich, dass ein Ende aktiver Kampfhandlungen nicht automatisch mit stabilem Frieden gleichzusetzen ist.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf russischem Verhandlungsverhalten. Osmolovska beschrieb es als konfrontativ, defensiv und stark von Statusdenken, Anerkennung und Machtdemonstration geprägt. Zu den genannten Taktiken gehörten Verzögerung, Zermürbung des Gegenübers, Drohungen, Maximalforderungen, wechselnde Zusagen und Paketlösungen, bei denen unterschiedliche politische und sicherheitspolitische Themen miteinander verknüpft werden. Verhandlungen mit Russland seien nicht nur als diplomatischer Austausch, sondern als Teil einer umfassenderen Strategie zu verstehen.

Im anschließenden, von Joel Keller, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Diplomatie II, moderierten Gespräch wurden die analytischen Linien des Vortrags um persönliche, gesellschaftliche und europapolitische Perspektiven erweitert. Neben Iuliia Osmolovska nahm auch Marharyta Blyzniuk an der Diskussion teil, eine internationale Beziehungsexpertin aus der Ukraine, die gegenwärtig in Warschau zur sicherheitspolitischen Ausrichtung der Ukraine promoviert. Im Mittelpunkt des Austauschs standen die europäische Unterstützung der Ukraine, die ukrainische Zivilgesellschaft und mögliche Friedensperspektiven, schon bald auch unter Einbezug des Publikums.

Zunächst ging es um die Frage, wie Erkenntnisse über russisches Verhalten für eine widerstandsfähigere europäische Sicherheitsarchitektur genutzt werden können. Dabei wurde Resilienz nicht nur militärisch verstanden, sondern auch als politische Geschlossenheit, gesellschaftliche Wachsamkeit und strategische Kommunikationsfähigkeit gegenüber Desinformation und hybrider Einflussnahme.

Weitere Themen waren eine mögliche Rückkehr Europas zu normalen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland, die Bedeutung ungelöster territorialer Fragen sowie die Reaktionen der ukrainischen Öffentlichkeit auf einen möglichen Waffenstillstand oder Friedensschluss. Deutlich wurde, dass ein „business as usual“ mit Russland angesichts des Krieges und offener Sicherheitsfragen kaum vorstellbar sei. Ein Friedensprozess müsse zudem gesellschaftlich und politisch tragfähig sein, um neue innere Spannungen in der Ukraine zu vermeiden.

Mit Blick auf Ungarn wurde diskutiert, welche Rolle ein von dem designierten MP Péter Magyar geprägter politischer Kurs künftig für die Unterstützung der Ukraine spielen könnte. Dabei wurde vorsichtiger Optimismus formuliert: Die Aufgabe einer Blockadehaltung innerhalb der Europäischen Union könne die europäische Handlungsfähigkeit insgesamt stärken.

Zum Abschluss ging es um persönliche Motivation und Durchhaltevermögen angesichts pessimistischer Kriegsszenarien. Die Antworten der Diskutantinnen verwiesen auf Verantwortung, Freiheitsbewusstsein und den Willen, die Zukunft der Ukraine selbst zu bestimmen.

Die Veranstaltung zeigte, dass ein dauerhafter Frieden in der Ukraine mehr erfordert als diplomatische Verhandlungen. Als wichtige Elemente wurden die eingehende Analyse russischen Verhaltens, glaubwürdige Sicherheitsgarantien, langfristige europäische Unterstützung und die Einbindung der ukrainischen Gesellschaft herausgearbeitet. So verband der Abend sicherheitspolitische Analyse mit einer auch zivilgesellschaftlichen Perspektive auf die Zukunft der Ukraine und Europas.

Philippe FALLOUH

Im Bild (v.l.n.r.): Prof. Dr. Robert Klinke, Iuliia Osmolovska, Marharyta Blyzniuk und Moderator Joel Keller.
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