Die blockierte Republik: Ist Deutschland noch zu retten? Mit dieser Leitfrage eröffnete der Historiker Frank Trentmann (University of London) am 4. Februar 2026 seinen Vortrag an der Andrássy Universität Budapest.

Eingeladen hatten das Zentrum für Diplomatie der Andrássy Universität und die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Ungarn. Die Veranstaltung im vollbesetzten Spiegelsaal der Universität wurde von Botschafter Dr. Robert Klinke eröffnet und im Weiteren von BR Dr. Felix Brombach von der Deutschen Botschaft moderiert.
In seinem Vortrag zeichnete Trentmann das Bild eines Landes, das die eigenen Potenziale aufgrund von selbst auferlegten Blockaden nicht voll ausschöpfe und damit seine Kompetenz zur Problembewältigung unterminiere. Deutschland tue sich seit Jahren schwer mit grundlegenden Veränderungen. Dies treffe weniger auf den Staat als insbesondere die Wirtschaft zu. So habe das Produktivitätswachstum in den letzten 20 Jahren erheblich nachgelassen, während gleichzeitig der Kapitalstock nur langsam modernisiert worden sei. Trentmanns These: Deutschland als historischer Gewinner der Globalisierung habe sich zu stark auf seinen Erfolgen ausgeruht und Reformen verschleppt. Unterm Strich handele es sich dabei um hausgemachte Probleme, welche ihre Ursachen neben ökonomischen Faktoren auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich hätten. Trentmann nannte insbesondere den demografischen Wandel und die damit verbundenen migrationspolitischen Fragen, dass Deutschland nämlich nicht seine Bedarfe, Interessen und Möglichkeiten klar definiert habe, sowie einen zunehmenden Rückzug aus internationaler Verantwortung. In Teilen der Bevölkerung beobachte er eine stärker werdende, provinziell geprägte Mentalität und nostalgische Rückblicke auf eine als stabil verklärte Vergangenheit. Solche Deutungsmuster stünden im Zusammenhang mit einer alternden Gesellschaft sowie unzureichenden Antworten auf langfristige demografische Veränderungen. Sie erschwerten jedoch notwendige Anpassungsprozesse.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Analyse war der Aufstieg populistischer Strömungen und fortbestehende Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland. Trentmann zufolge manifestiert sich populistische Unterstützung in Deutschland anders als in anderen europäischen Ländern. Sie resultiere nicht primär aus materieller Benachteiligung. Ein Großteil der AfD-Wählerschaft entspreche vielmehr dem Profil gutsituierter Arbeitnehmer, die sich um ihre Zukunft und soziale Sicherheit sorgten. Im Unterschied zu Ländern wie Großbritannien lasse sich Populismus in Deutschland daher weniger eindeutig als Reaktion auf Marginalisierung, fehlende sozio-ökonomische Teilhabe und/oder wachsende Ungleichheit deuten. Zusätzlich verwies Trentmann auf Ost- wie auch Westalgie – bei Letzterem wird Westdeutschland als Wirtschaftswunderland mit scheinbar geringen Problemen romantisch verklärt – als konkurrierende Identitätsnarrative, die gesellschaftliche Gräben vertieften und politische Fronten verhärteten. Deutschland aber habe das Zeug, all das zu überwinden und voranzukommen. Sein Plädoyer für mehr historische Informiertheit, mehr Mut, mehr Teilhabe und mehr Dialog unterlegte Trentmann mit konkreten Vorschlägen u.a. für weniger Bürokratie, die Modernisierung der Alterssicherung und klare Kante gegen Antisemitismus.
Die anschließende Diskussion bot Gelegenheit, die Thesen des Vortrags weiter zu erörtern. Im Mittelpunkt standen Fragen zur Migrationspolitik seit 2015, zu wahrgenommener gesellschaftlicher Selbstbezogenheit sowie zum politischen Umgang mit populistischen Akteuren. Trentmann unterstrich dabei die Bedeutung ehrlicher politischer Kommunikation und warnte vor vereinfachenden oder rein symbolischen Antworten auf strukturelle Probleme. Zugleich betonte er, dass sowohl staatliche Institutionen als auch die Zivilgesellschaft gefordert seien, die demokratische Handlungsfähigkeit zu stärken und langfristige Reformprozesse zu unterstützen.
Der Abend verdeutlichte, dass die beschriebenen Blockaden Deutschlands zwar viele verschiedene Bereiche betreffen (Wirtschaft, Gesellschaft, Politik), jedoch auf ein ähnliches Grundmuster reduziert werden können, namentlich ausgeprägte institutionelle Trägheit, fest verankerte Erwartungshaltungen und die Tendenz, notwendige Reformen hinauszuschieben. Der überaus substantielle Vortrag lud dazu ein, aktuelle Entwicklungen in einen europäischen Kontext einzuordnen und Voraussetzungen für Reformfähigkeit sowie demokratische Stabilität neu zu diskutieren.
Philippe FALLOUH

