Tschechische Perspektiven auf Europa, regionale Zusammenarbeit und was wir aus der Vergangenheit lernen können

Im Gespräch mit I.E. Botschafterin der Tschechischen Republik, Eva Dvořáková

Zum Semesterabschluss ihrer gemeinsamen Ringvorlesung „DiplomatInnen im Gespräch“ luden das Zentrum für Diplomatie und das Zentrum für Demokratieforschung der Andrássy Universität am 12. Mai 2026 ein, sich mit I.E. der Botschafterin der Tschechischen Republik, Eva Dvořáková, einen Rundumblick auf Ungarn und die Region aus der Warte eines Nachbarn zu verschaffen. Im vollbesetzen Andrássy-Saal moderierte Botschafter Dr. Robert Klinke durch den Abend, wobei neben außenpolitischen Fragen auch persönliche Erfahrungen aus der diplomatischen Laufbahn Dvořákovás thematisiert wurden. 

Im Mittelpunkt des anregenden Austauschs standen zunächst aktuelle Fragen der tschechischen Außen- und Sicherheitspolitik, die Rolle Mitteleuropas in der Europäischen Union sowie die Zukunft regionaler Kooperationsformate. 

Die tschechisch-ungarischen Beziehungen beschrieb Dvořáková als historisch eng, politisch aber nicht immer spannungsfrei. Im Lichte des jüngsten Regierungswechsels in Ungarn äußerte sie sich zugleich vorsichtig optimistisch mit Blick auf neue Chancen, die sich jetzt eröffneten.

Dies gelte auch für die Visegrád-Gruppe. Dvořáková betonte, dass das Format trotz periodischer Belastungen weiterhin europa- wie regionalpolitisch von Bedeutung sei. Die informelle Struktur der Gruppe mache Prozesse lebendig, dynamisch und anpassungsfähig. Gerade darin liege ein besonderer Mehrwert: Visegrád bringe Staaten und Personen auf pragmatischer Grundlage miteinander ins Gespräch. Zugleich widersprach die Botschafterin der Vorstellung, die Visegrád-Gruppe berge spalterisches Potential innerhalb Europas. Ähnlich wie andere Regionalformate sei sie vielmehr geeignet, Interessen zu bündeln und europäische Debatten anzureichern. Auch die Drei-Meere-Initiative sei Ausdruck solcher Komplementarität, hier etwa mit Blick auf Infrastruktur, Energie und die Nord-Süd-Konnektivität in Europa. All dies stehe aus tschechischer Sicht nicht in Gegensatz zu europäischer Integration, sondern verstehe sich als Beitrag zu praktischer Zusammenarbeit innerhalb Europas.

Auch an anderen Stellen der Außen- und Sicherheitspolitik gelte es für Tschechien, zentrale Herausforderungen zu bewältigen. Dazu zählten die sich wandelnden transatlantischen Beziehungen, die Rolle der NATO, steigende Verteidigungsausgaben, Energiefragen und fiskalische Herausforderungen. Zudem zählten wirtschaftliche Strukturfragen dazu. Dvořáková betonte, Tschechien sei ein historisch starkes Industrieland, das zugleich eng mit der deutschen Wirtschaft verflochten sei. Besonders die Automobilindustrie, Lieferketten sowie Fragen der Energieversorgung und Energieabhängigkeit blieben wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Ein weiterer interessanter Teil des Gesprächs widmete sich der historischen Erfahrung Tschechiens und deren Bedeutung für seine Politik und Diplomatie. Dvořáková verwies darauf, dass Geschichte politisch produktiv genutzt, aber auch populistisch instrumentalisiert werden könne. Als Beispiel nannte sie das Thema der Sudetendeutschen. Eine wichtige Lehre aus schmerzlicher historischer Erfahrung bestehe darin, nach vorn zu blicken und konstruktiv und produktiv miteinander zu arbeiten, und dies trotz Wahrung unterschiedlicher Positionen zu Vergangenheitsfragen wie etwa den Beneš-Dekreten. Klinke bezeichnete die Deutsch-tschechische Erklärung von 1997 in diesem Zusammenhang als ein Meisterstück der Diplomatie: Historische Streitigkeiten würden nicht mehr mit rechtlichen Mitteln ausgefochten, so dass weder die bilateralen Beziehungen noch die Integration Europas belastet würden. Übereinstimmend äußerten beide Gesprächspartner, dass das weiter bedeutsame Versöhnungswerk des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds mit Projekten der Jugendbegegnung, Kultur und Opferentschädigung reife Früchte trage.

Auf die Frage, was wir von tschechischer Diplomatie lernen könnten, verwies Dvořáková auf den Umgang mit Russland und den Fall Vrbětice (Explosion eines Munitionslagers in Ostmähren 2014), der mit der Ausweisung russischer Diplomaten aus Tschechien endete. Das Beispiel zeige, wie ein vergleichsweiser kleiner Staat durch entschlossenes diplomatisches Handeln ein klares sicherheitspolitisches Signal setzen könne. Andere Staaten seien mit ähnlichen Maßnahmen gefolgt. 

In der anschließenden Fragerunde wurden weitere Themen aufgegriffen, darunter Tschechiens Beziehungen zu anderen Weltregionen, insbesondere zu Afrika, China und Tibet, die Rolle des Europäischen Auswärtigen Diensts sowie der Umgang mit NGOs. 

Auch im nachfolgenden informellen Austausch mit den Studierenden zeigte sich die Botschafterin ebenso professionell wie nahbar. Interessant war am Rande zu vermerken, dass wieder einmal beide diplomatische Gesprächspartner jeweils die Sprache des anderen beherrschten. Der Abend machte zugleich deutlich, wie diplomatische Praxis von historischen Erfahrungen, wirtschaftlichen Verflechtungen und aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen geprägt ist. Gerade auch unter Nachbarn, Partnern und Freunden, die sich wertschätzen.

Philippe FALLOUH

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