„Fünf Minuten länger und wir hätten ganze 24 Stunden verhandelt“, so Anfang November der dänische Umweltminister nach dem EU-Verhandlungsmarathon in Vorbereitung auf die 30. Weltklimakonferenz in Brasilien. Dabei war es das zentrale Ziel des dänischen Ratsvorsitzes, eine einheitliche Linie für alle Mitgliedsstaaten der EU zu finden, um mit einem klaren europäischen Mandat in die Verhandlungen gehen zu können – dies konnte dann schließlich auch erreicht werden.
Über dieses und viele andere Themen berichtete der dänische Botschafter Dr. Christian Thorning am 05. November 2025 auf Einladung von Botschafter Dr. Robert Klinke an der Andrássy Universität. Der Abend im Rahmen der Reihe „BotschafterInnen im Gespräch“, die die Zentren für Demokratieforschung und Diplomatie seit Sommersemester 2025 gemeinsam aufgelegt haben, bot zum einen Gelegenheit zu einem Midterm-Review der laufenden dänischen EU-Ratspräsidentschaft. Im Weiteren ging es um persönliche Erfahrungen des hochrangigen Gasts, die im eigentlichen Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe stehen.
Mit der notwendigen Einigung zu klimapolitischen Verpflichtungen der EU-Mitgliedstaaten im Vorfeld der COP30 in Bélem, so Thorning, sei ein wesentliches Ziel der im Juli übernommenen Ratspräsidentschaft des nordischen Landes erreicht. Unter dem Motto „Ein starkes Europa in einer sich wandelnden Welt“ stütze sich ihr Programm auf zwei Säulen: Für die Sicherheit und Verteidigung in Europa sei die substantielle Unterstützung der Ukraine und damit der regelbasierten Weltordnung zentral. Mit Blick auf langfristige Wettbewerbsfähigkeit komme es entscheidend auf den weiteren Ausbau grüner Energien in Europa an. Dringend erforderlich sie auch der wiederholt geforderte Bürokratieabbau: Das von der EU-Kommission initiierte und unter dänischer EU-Ratspräsidentschaft vorangebrachte Omnibus-Verfahren setze hier die richtigen Impulse. Vorschläge zur Überarbeitung bestehender Gesetze und Richtlinien würden gebündelt mit dem Ziel, Berichtspflichten und anderen Verwaltungsaufwand für Unternehmen bei verschiedenen Nachhaltigkeitsvorschriften zu vereinfachen und zu reduzieren.
Ähnlicher Optimismus ließ sich auch bei der Motivation des studierten Juristen Thorning für eine Laufbahn im dänischen diplomatischen Dienst erkennen. Im Rahmen einer Studienreise nach Brüssel sei er schon früh beeindruckt gewesen von der supranationalen Entscheidungsebene, die sich in den vielfältigen Flaggen der Mitgliedsstaaten widerspiegelte. Und motiviert von der Teilnahme seines Heimatlandes in diesem Kreis, symbolisiert durch den Tischaufsteller mit der Aufschrift „Danmark“: hinter ihm wollte Thorning einmal sitzen und für sein Land verhandeln. Der Rest ist Geschichte. Als Diplomat an dänischen Auslandsvertretungen in Neu-Delhi, in Brüssel und London sowie als Botschafter in Zagreb und zuletzt in Bagdad sammelte Thorning umfangreiche Erfahrungen, die er seit 2024 nun in seinen aktuellen Posten als Botschafter in Ungarn und Slowenien einbringt.
Auf die Frage aus dem Kreis der Teilnehmenden, ob er seinen Weg noch einmal so gehen würde, schilderte Thorning seine Motivation für ein Geschichtsstudium, das er aber zugunsten der Rechtswissenschaften aufgegeben habe. Im Nachhinein macht vieles Sinn; Thorning ermöglichte diese Weichenstellung jedenfalls die Tätigkeit als Leiter des EU-Rechtsreferats im dänischen Außenministerium. Auch heute helfe ihm sein völkerrechtliches Verständnis bei der Bewertung aktueller Fragestellungen wie dem Ansinnen des US-Präsidenten, das als autonomer Teil zu dem Königreich Dänemark gehörende Grönland zu kaufen.
Aber auch sonst nahm die Rechtsstaatlichkeit an dem Abend breiten Raum ein: Ob bei Vielfalt oder Dänemarks Rolle in der EU, immer wieder sei es entscheidend, den Umgang miteinander nicht zu einem Recht des Stärkeren verkommen zu lassen. Auch innerhalb der Europäischen Union gebe es durchaus unterschiedliche Interpretationen dessen, was eine regelbasierte Ordnung ausmache. Der EU-Ratsvorsitz sei umso mehr gefordert, sich kooperativ zu verhalten und keine Meinung auszuschließen.
Auf die abschließende Frage, was den Dänen eigentlich fehle, wo sie im weltweiten Glücksindex 2025 doch den zweiten Platz belegten, machte Thorning spontan eines aus: „guten Wein“. Dem ließ sich ohne Weiteres abhelfen bei der ebenso zwanglosen wie interessierten Fortsetzung des Austauschs mit Studierenden und anwesenden DiplomatInnen. Tu beata Dania!
Joel KELLER



