Vom Budapester Ghetto nach Deutschland: Rabbiner Gábor Lengyel – über Erinnerung, Flucht und Dialog

Rabbiner Dr. Gábor Lengyel erzählte an der Andrássy Universität von seiner Kindheit im Budapester Ghetto, seiner Flucht 1956 und seinem späteren Leben in Deutschland. Im Mittelpunkt standen Erinnerung, jüdisches Leben und die Möglichkeit von Empathie auch nach dem 7. Oktober 2023.

Am 27. Oktober 2026 luden der Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, das Mitteleuropa-Zentrum der Andrássy Universität Budapest und die Hanns-Seidel-Stiftung zu einem Gespräch mit dem in Budapest geborenen Rabbiner Dr. Gábor Lengyel in den Andrássy-Saal ein. Unter dem Titel „Budapest – Wien – Jerusalem – Braunschweig – Hannover“ beleuchtete die Veranstaltung zentrale Stationen seines Lebens: die Schoa, die Flucht nach 1956, die Emigration nach Israel und seinen späteren Weg nach Deutschland.

Universitätsrektor Prof. Dr. Zoltán Tibor Pállinger beschrieb Dr. Lengyels Biografie als ein „bewegtes Leben“. Wenige Tage nach dem Jahrestag des ungarischen Volksaufstands von 1956 sei Geschichte besonders gegenwärtig. Europa verstehe sich nach Pállinger als ein Projekt, das von der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte lebe; deshalb sei es wichtig, Zahlen und Daten ein Gesicht zu geben. Er dankte Dr. Lengyel für die Reise von Hannover nach Budapest sowie der Hanns-Seidel-Stiftung für die Unterstützung der Veranstaltung.

Dr. Markus Ehm, Regionalleiter Donauraum der Hanns-Seidel-Stiftung, begrüßte die Anwesenden und betonte Dr. Lengyels langjähriges Engagement für den interreligiösen Dialog in Deutschland. Anschließend leitete Assoz. Prof. Dr. Ursula Mindler-Steiner, Dozentin für Geschichtswissenschaft an der Andrássy Universität, das Gespräch.

Sie stellte zunächst Dr. Lengyels Kindheit als Kind orthodoxer Juden im Budapester Ghetto vor und sprach die Deportation seiner Eltern an. Dr. Lengyel betonte, dass er mit dreieinhalb Jahren kein Zeitzeuge im engeren Sinne sei. Seine Erinnerungen seien bruchstückhaft, und sein Überleben sei ein glücklicher Zufall gewesen. Er berichtete jedoch, dass seine Eltern nicht von Adolf Eichmann und mitgebrachten SS-Soldaten, sondern von ungarischen Pfeilkreuzlern abgeholt worden seien. Der Boden für die nationalsozialistische Ideologie sei bereits vor dem deutschen Einmarsch bereitet gewesen; Antisemitismus habe nicht erst damit begonnen. Dr. Lengyel und sein Bruder überlebten im Budapester Ghetto.

Im Rahmen des Aufstands von 1956 stand Dr. Lengyel nach eigenen Angaben mit etwa 100.000 Menschen vor dem Parlament. Dass er nicht in Richtung des Radios vorgedrungen sei, das sich neben dem heutigen Standort der Andrássy Universität befand, habe ihm möglicherweise das Leben gerettet, da die ungarische AVH (Államvédelmi Hatóság) in die Menge schoss. Auf Drängen seiner Tante verließ er Ungarn und gelangte mit Hilfe eines ungarischen Bauern nach Österreich. Dort überzeugte ihn Oberrabiner Akiba Eisenberg von einer Auswanderung nach Israel.

Dr. Lengyel schilderte seine Reise nach Ben-Schemen sowie seine Anfangszeit in diesem Jugenddorf, in dem er mit jungen Jüdinnen und Juden aus verschiedenen Ländern und religiösen Traditionen zusammenlebte. Den Kontakt zu Ungarn brach er weitgehend ab. Bei seiner Rückkehr rund 30 Jahre später seien viele Tränen wegen der Erinnerungen und der verlorenen Zeit geflossen.

Durch ein DAAD-Stipendium erhielt Dr. Lengyel die Möglichkeit, in Deutschland zu studieren. Trotz seiner Vorbehalte gegenüber dem „Land der Mörder“ nahm er diese Herausforderung an. Auf die Frage, warum er in Deutschland geblieben sei, antwortete er, er sei letztlich ein „Wirtschaftsflüchtling“ gewesen. Gerade daraus erklärte er seinen Entschluss, mit über sechzig Jahren Rabbiner zu werden: Wenn er, als Jude mit einem 300 Jahre alten Stammbaum, in Deutschland lebe, müsse er sich auch für jüdisches Leben engagieren. Er studierte am Budapester Landesrabbinerseminar und am Abraham Geiger Kolleg in Berlin und übernahm 2009 Aufgaben als Rabbiner in den liberalen Gemeinden in Hannover und Göttingen.

Im Gespräch über den interreligiösen Dialog berichtete Dr. Lengyel von einer syrischen Familie, die er nach 2015 begleitet hatte und die inzwischen Teil seiner Familie sei. Auch nach dem 7. Oktober 2023 sehe er keine Grundlage für einen Bruch dieser Beziehung. Er erklärte, dass unter den 613 Geboten kein einziges Jüdinnen und Juden zum Glauben verpflichte; Dialog und Empathie seien ihm jedoch selbstverständlich. Zum Verhältnis zu Palästinensern erklärte er, dass man auch mit Feinden sprechen müsse. In der israelischen Armee habe er gelernt, die „Seele seiner Feinde“ zu kennen. Als Überlebender der Schoa, israelischer Soldat und Rabbiner sei er zugleich immer auch Mensch und bewahre Empathie für die Palästinenser, auch wenn Israel seine Herzensheimat bleibe.

Abschließend sprach Dr. Lengyel über die Zukunft des interreligiösen Dialogs nach dem 7. Oktober 2023. Trotz großer Schwierigkeiten hielt er daran fest, dass Gespräche notwendig seien, einschließlich des Dialogs mit Palästinensern. Er äußerte zudem die Hoffnung auf eine stärkere demokratische Beteiligung in Israel. Die Veranstaltung zeigte, wie eine individuelle Biografie zentrale Bruchlinien des 20. und 21. Jahrhunderts – Schoa, Revolution, Migration, deutsch-jüdische Beziehungen und interreligiöser Dialog – konkret erfahrbar macht.

Jennifer Sarah VOSS

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